Unheiliger Krieg im Heiligen Land

Jörg Bremer: „Unheiliger Krieg im Heiligen Land. Meine Jahre in Jerusalem“, Nicolai Verlag, Berlin 2010, 256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 24,95 €, ISBN 978-3-89479-559-7
Rezensent: Gerhard Duncker
Schon wieder ein Buch über Israel und Palästina, schon wieder ein Buch über den Nahen Osten und dessen Konflikte! Schon wieder ein Journalist, der es besser weiß als Obama, Merkel und der Rest der (westlichen) Welt! So könnte man meinen. Wenn man dann aber anfängt zu lesen, merkt man schnell, dass man ein anderes Israel-/Palästina-Buch zur Hand genommen hat, als man vorurteilsbeladen vermutet hatte. Man merkt, dass es jemand geschrieben hat, der Land und Leute kennt, der die Region und ihre Menschen liebt und mit ihnen verbunden ist, auch am neuen Einsatzort Rom.
Der promovierte Historiker Jörg Bremer war von 1991 bis 2009 für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) Korrespondent in Jerusalem. Dort arbeitete er, dort lebte er mit seiner Familie, dort durfte ihn auch der Rezensent mehrmals in persönlicher und vertrauter Runde treffen.
Das erste, was beim Lesen des Buches auffällt ist die Nähe Jörg Bremers zu den Menschen. Mit menschlicher Wärme und dennoch mit der nötigen journalistischen Distanz berichtet der Autor von Begegnungen mit Politikern, Opfern der Schoah, dem Mann und der Frau auf der Straße.
Zeitgeschichte wird bei Bremer lebendig, etwa wenn er schildert, wie er bereits kurz nach seiner Ankunft in Jerusalem, wenige Tage vor dem Ausbruch des ersten Irakkrieges, Aufnahme findet im Schutzraum von Familie Blum. Professor Yehuda Blum, während der Nazizeit Häftling in Bergen-Belsen, war Botschafter Israels bei den Vereinten Nationen. Bei Keksen und Wasser bewältigte man gemeinsam die Angst vor Raketenangriffen und analysierte die politische Lage. Von Selbstmordanschlägen im Allgemeinen zu lesen ist das eine. Zu lesen, wie Familie Bremer täglich mit der Todesgefahr umging ist das andere. „Und nach jedem Anschlag der Anruf, ob alles in Ordnung sei. Einmal allerdings wäre meine Familie fast in ein Attentat verwickelt worden. An diesem Nachmittag hatte meine Frau die drei Kinder später als gewöhnlich von der Schule abgeholt. Auf Drängen von Philipp hielt Christiane dann aber, obwohl sie es eilig hatte, bei der ersten Ampel nach Verlassen der Schule, obwohl die noch nicht auf Rot gesprungen war. So kam sie nicht näher an die 200 Meter entfernte Bushaltestelle hinter der nächsten Kurve heran, an der im nächsten Augenblick eine Bombe explodierte. Eine Häuserreihe stand schützend dazwischen. Aber die Familie hörte den Knall und spürte die machtvolle Druckwelle, die den Wagen anhob. Dann prasselten Glassplitter auf das Auto. Friedrich, der eine Hand aus einem Seitenfenster herausgehalten hatte, wurde von einigen Splittern getroffen. Christiane wendete unverzüglich den Wagen und nahm einen anderen Weg nach Hause. Auch ich hatte die Explosion daheim gehört, kannte den Aufenthaltsort der Familie, aber erreichte sie per Mobiltelefon nicht. Bange Minuten folgten. Die Angst ist unvergessen“ (S. 123).
Bremer beleuchtet kenntnisreich alle agierenden Parteien des israelisch-palästinensischen Konflikts. Er spricht vom „israelischen Terror“ (S. 30) der alten Politiker aus der Gründerzeit des Staates ebenso wie vom nicht friedensfähigen Palästinenserführer Arafat (S. 128). Viele politisch Agierende behalten bei aller kritischen Analyse ein menschliches Antlitz. Beispielhaft seien hier der israelische Staatspräsident Jitzchak Rabin und seine Frau Leah oder der palästinensische Ministerpräsident Salem Fajad mit seiner Familie genannt.
Eine Besonderheit des Buches ist es, dass es sich ausführlich der Lage der im Heiligen Land verbliebenen Christenheit widmet. Bremer schildert etwa den Kampf um die Geburtskirche in Bethlehem im Jahr 2002. Dabei spart er weder mit Kritik an der Haltung des römisch-katholischen Patriarchen, genauso wenig wie mit der an den islamistischen Kirchenbesetzern, die die liturgischen Bücher als Toilettenpapier benutzen.
Hart ins Gericht geht der Autor auch mit Bischof Younan, dem Bischof der „Evangelisch-Lutherischen Kirche von Jordanien und dem Heiligen Land“, sowie mit Teilen der Führung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Große Flächen des Ölbergs sowie die Himmelfahrtskirche und die Erlöserkirche sind im Besitz von Stiftungen der EKD. Wer ist wofür zuständig und verantwortlich? Wer übt das Hausrecht aus? Wer gefährdet durch sein Verhalten die Zukunft der Stiftungen?
Jörg Bremer war mit seiner Familie 18 Jahre in Jerusalem. So kann das letzte Kapitel des Buches keinen anderen Titel tragen als „Mein Jerusalem“, eine Hommage an eine großartige und zerrissene Stadt.
Der FAZ-Journalist Jörg Bremer, der von der FAZ übrigens immer als von „meiner Zeitung“ spricht, war in Jerusalem ein Glücksfall für diese Zeitung, aber auch für ihre Leserinnen und Leser.


