Tagebuch einer Türkeireise

Klaus Reichert: „Türkische Tagebücher. Reisen in ein unentdecktes Land“, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, 190 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 22,95 €, ISBN 978-3-10-062949-4

Rezensent: Gerhard Duncker

Der Literaturwissenschaftler Klaus Reichert, emeritierter Professor für Anglistik und Amerikanistik, und von 2002 bis 2011 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, bereist die Türkei und schreibt ein Reisetagebuch für eine akademisch gebildete und auch sonst kenntnisreiche Leserschaft. Wenn man weiß, was eine Terzerole, ein Patronymikon oder ein Mugarnas-Stil jeweils ist, kommt man gut durch den Text. Aber auch der Leser, der einen Begriff nachschlagen muss, liest das Tagebuch mit Gewinn.
Reichert beschreibt seine Reise in ein „unentdecktes Land“, die er auf Einladung des Goethe-Instituts nach Anatolien, Istanbul und in die alte osmanische Hauptstadt Edirne unternimmt. Besonders der erste, Anatolien gewidmete Teil des Buches hat den Rezensenten begeistert. Harran, durch das einst Abraham zog, Urfa, der Wohnort Hiobs, der im türkischen Eyüp heißt, die Begegnungen mit Teppichhändlern, Kalligraphen oder Silberschmieden zeichnen ein lebendiges und authentisches Bild des Ostens der Türkei. Immer wieder geht der Blick zurück in die Geschichte(n) der Menschheit („Geschichten sind immer Geschichten, die aus anderen Geschichten stammen, in andere Geschichten münden, lauter Originale, lauter Imitate, Variationen eines Ursprünglichen, das es nicht gibt“) (S. 31).
Mitreißend ist Reicherts Beschreibung der Hagia Sophia, der einst größten Kirche der Christenheit, auch wenn ihm nicht zuzustimmen ist, wenn er in diesem Zusammenhang „eine erbärmliche christliche Realität“ in Istanbul konstatiert (S. 146). Klein ja, aber nicht erbärmlich!
Gegen Ende wird das Tagebuch sehr speziell. Die Verbindung zwischen Kelimteppichen und moderner Musik wird nicht jeder verstehen, das übrige Tagebuch entschädigt den Leser dennoch.
Eine kleine Anmerkung zum Schluss, sozusagen als „P. S.“: Wenn man als Autor – zu Recht – großen Wert auf die Sprache legt, sollte man es auch nicht am Respekt gegenüber einer anderen Sprache – in diesem Fall der türkischen – mangeln lassen. Wenn Reichert zu Beginn des Buches auf die türkische Schreibweise hinweist, sollte er auch selber korrektes Türkisch schreiben, sei es bei Städtenamen, Moscheebezeichnungen oder einzelnen Wörtern.
Ich würde mir eine Fortsetzung der Reisetagebücher Reicherts wünschen. Vielleicht lädt das Goethe-Institut ihn ja ein zweites Mal nach Istanbul ein. Dann sollte er auch noch einmal nach Yeniköy fahren, das nicht, wie er meint (S. 149) im asiatischen, sondern im europäischen Teil Istanbuls liegt.

 
 
 
 
Tagebuch einer Türkeireise
 

Die Seite islam-dialog.ekvw.de ist ein Projekt der
Evangelischen Kirche von Westfalen, Landeskirchenamt - Altstädter Kirchplatz 5 - 33602 Bielefeld
Fon (Zentrale): 0521 / 594-0 - Fax (Zentrale): 0521 / 594-129 - Landeskirchenamt@lka.ekvw.de - Impressum