Radikale Reformen
Tariq Ramadan, Radikale Reformen, Die Botschaft des Islam für die moderne Gesellschaft, München 2009
Rezensent: Eberhard Helling
Mit Tariq Ramadan hat sich eine der interessantesten und zugleich schillerndsten Stimmen der europäischen Muslime zu Wort gemeldet. In seinem neusten Buch unternimmt er nicht weniger als die Erneuerung „der Interpretation von Texten ... im Lichte der vielfältigen historischen und kulturellen Kontexte“ (S. 21). Ziel dieser umfassenden Reform ist es, die Muslime in die Lage zu versetzen „ die Essenz, die ethische Substanz und die übergeordneten Absichten der islamischen Botschaft wiederzuentdecken, um sie gewissenhaft und angemessen in den jeweiligen soziokulturellen Kontexten umzusetzen.“ (ebd.) Es liegt nahe, dass sich der Autor fragen lassen musste, ob er eine Islamisierung der Moderne oder eine Modernisierung des Islam anstrebe. (vgl. S. 188 ff) Tariq Ramadan käme nicht aus einer der angesehensten Gelehrtenfamilien der islamischen Welt, wenn er sich auf diese Alternative einlassen würde, ohne die entsprechenden Zumutungen an den Westen zu formulieren: Ziel ist eine „globale islamische Ethik, ... die durch die Beteiligung aller Weltzivilisationen entstehen“ soll. (S. 191) Drei Haltungen entsprechen diesem Ziel: Demut gegenüber der eigenen, nicht allein maßgebenden Tradition, Respekt gegenüber anderen Glaubensweisen und Kohärenz zwischen den Zielen als einer konstanten Selbstprüfung. (ebd.) Immer wieder schlägt Ramadan recht harsche Töne an, wenn er die Rückständigkeit muslimischer Gesellschaften anprangert.
In einem Dreischritt geht Ramadan diesem Ziel entgegen: nach einer historischen Übersicht, in der „die Grundlagen des Rechts und der Jurisprudenz“ beschrieben werden (S. 57-108) folgt eine „Neuordnung der Quellen des Rechts und der Jurisprudenz“ (S. 109 – 201) um schließlich in sechs Fallstudien (Medizin, Kultur, Frauen, Ökologie und Ökonomie, Bildung und schließlich allgemeine Werte) diese islamische Ethik anzuwenden. (S. 203-418)
In der Grundlegung des Rechtes führt Ramadan anhand von historischen Belegen aus, dass es darum geht die Gesetze von ihrer Wichtigkeit her neu zu ordnen und dabei folgende Ziele zu verfolgen: Schutz der Religion, des Lebens, der Vernunft, der Nachkommenschaft, des Einzelnen – und schließlich auch der Ehre (S. 86) Dieser „Denkschule der Ziele“ fühlt sich Ramadan offensichtlich verbunden; weiter spricht er von einer Priorität der Mekkanischen Epoche, demgegenüber die Medinische die Anwendung der Mekkanischen Prinzipien darstelle. ( S. 99f) Für heutige Leser eine besondere Interpretation, da nicht erkennbar wird, wie das Problem der Abrogation, der Auflösung von Mekkanischen Toleranz- durch Medinische Sanktionsgeboten gelöst werden soll.
In dieser Neuordnung kommen nun die beiden entscheidenden Quellen der Ethik zusammen: der Kosmos und der Koran. Hier fordert Ramadan die Einrichtung von Forschungs- und Fatwa-Ausschüssen, die mit gleichberechtigten Wissenschaftlern und Rechtsgelehrten besetzt werden sollen(S. 171) - evt. vergleichbar den Ethikräten der EKD? Und die Vorstellungen, in denen sich Ramadan bewegt, werden dann auch konkret benannt. Exemplarisch sei die ausführlichste Fallbeispiel benannt, Frauen: Emanzipation und Tradition. Er sieht die ernsthaften Bemühungen vieler muslimischer Frauen, sich mit den Texten auf neue und befreiende Weise zu beschäftigen; er kommt sodann auf einen neuralgischen Punkt zu sprechen, das Erbrecht. Die Verschiebungen zwischen traditioneller und heutiger Rollenzuweisung werden benannt, um dann vorzuschlagen: „die Umsetzung der Schriften noch einmal (zu) überdenken ... oder die Gemeinschaft – in Form des Staates oder der lokalen Gemeinden – um eindeutige Ausgleichszahlungen (zu) bitten.“ (S.303) M.a.W.: der Staat soll die ungleichen, zu ungunsten der Frauen festgelegten Verteilschlüssel im Erbrecht durch Ausgleichszahlungen aufheben? Mich erinnert diese Art der Reform an den alten Satz: wasch mich, aber mach mich nicht nass.
Ein lehrreiches Buch, dass schillernd daherkommt und mich etwas ratlos zurücklässt.


