Bibel und Koran gemeinsam gedeutet

Grewel, Hans / Becker, Luise / Schreiner, Peter (Hg.), „Quellen der Menschlichkeit. Bibel und Koran – von Christen und Muslimen gedeutet“, Kösel-Verlag, München 2010, 320 Seiten, € 19,95, ISBN 978-3-466-36874-7
Rezensent: Ralf Lange-Sonntag
Erstabdruck in Zeitzeichen 06/2011
Mit „Quellen der Menschlichkeit“ legt eine christlich-islamische Arbeitsgruppe nun das Ergebnis ihrer Kooperation im Rahmen des mittlerweile abgeschlossenen Forschungsprojekts „Der Humanismus im Zeitalter der Globalisierung“ des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen vor. Die Autorinnen und Autoren möchten angesichts der offen zu Tage tretenden Differenz zwischen dem Ideal der unantastbaren Würde des Menschen und der tagtäglichen Verletzung dieses Menschenrechts „das Zutrauen zum Menschen und die Hoffnung auf neue Fähigkeiten zur Menschlichkeit nicht aufgeben“ (S.7). Deshalb erinnern sie an „wunderbare Geschichten, beispielhafte Erzählungen“ aus Bibel und Koran, „die in einfachen Bildern zeigen, was menschlich ist und wie Menschen miteinander umgehen“ (ebd.). Ausgehend von einer knappen Einleitung (S.7-9) und einer Einführung in die unterschiedlichen Hermeneutiken der beiden Religionen (S.11-32) werden in fünf Kapiteln die wichtigsten anthropologisch relevanten Themen abgedeckt. Diese beginnen mit Fragen der Schöpfung (S.33-80), behandeln ausführlich die Beziehung zu Gott, Mitmenschen und Mitwelt (S.81-172), thematisieren Frieden und Gerechtigkeit (S.173-237) und leiten dann zu Erwartungen und Hoffnungen für die Zukunft (S.239-264) über, bevor biblische und koranische Vorbilder unter dem Titel „Modelle der Menschlichkeit“ (S.265-308) vorgestellt werden. Ein Anhang mit einem (leider unvollständigen) Literaturverzeichnis, einem hilfreichen Glossar, einem Verzeichnis der biblischen und koranischen Namen und einer Übersicht der Mitglieder der Arbeitsgruppe beschließt das christlich-islamische „Lesebuch“, dem nach Meinung der Herausgeber „ein wirklich interreligiöses Lesebuch für alle Menschen“ folgen könnte, denn „es gibt nur eine Menschheit“ (S.8, Hervorhebung im Original).
Der Transparenz und Logik im Aufbau entsprechen die einzelnen Beiträge des Buches, die auf meist nicht mehr als zehn Seiten jeweils abwechselnd die christliche und muslimische Perspektive auf ein Thema aufzeigen. Entsprechend dem religionspädagogischen Schwerpunkt der Autorinnen und Autoren (u.a. TU Dortmund, Comenius-Institut Münster und Institut für religiöse Pädagogik und Didaktik Köln) sind die übersichtlichen Darstellungen vor allem für die pädagogische Arbeit in Schule und Erwachsenenbildung bereichernd. Als problematisch erweist sich, dass die meisten Beiträge aus islamischer Perspektive nicht einzelne Erzählungen exemplarisch auslegen, sondern mehrere Verse zu einer thematischen Abhandlung verschmelzen (im Beitrag „Gottes Gerechtigkeit und menschliche Gerechtigkeit“ sind es z.B. Verse aus 19 verschiedenen Suren) und damit die Grundidee des Buches ad absurdum führen. Bedeutsam an den muslimisch akzentuierten Texten ist vielmehr, dass der männlich dominierte muslimische Mainstream durch eher feministische Auslegungen erweitert und korrigiert wird.
Die Mitglieder der Arbeitsgruppe betonen die Gemeinsamkeiten der Religionen und lehnen jede Form von Exklusivität und absolutem Wahrheitsanspruch ab (S.229f.). Dieser integrative interreligiöse Ansatz hat praktische Auswirkungen: Anders als bisherige Werke, die christliche und muslimische Traditionen vergleichend gegenüberstellen, werden hier alle Beiträge bewusst von der gesamten Arbeitsgruppe verantwortet. In diesem Sinne erweist sich die Religionspädagogik als interreligiöse Avantgarde. Dennoch muss kritisch angemerkt werden, dass der eingeschlagene Weg nur halbherzig verfolgt wurde: Die einzelnen Abschnitte werden tatsächlich nicht namentlich gekennzeichnet, an Hand des Anhangs jedoch kann man ersehen, wer die jeweiligen Entwürfe verfasst hat. Die behandelten religiösen Überlieferungen werden – anders als es der Untertitel „Bibel und Koran von Christen und Muslimen gedeutet“ vermuten lässt – im strengen Sinne nicht gemeinsam ausgelegt: Die biblischen Texte werden aus einer rein christlichen Perspektive gedeutet, während die Interpretation der Koranauszüge einen eindeutig muslimischen Akzent trägt. Die Zeit ist anscheinend noch nicht reif für eine wirklich gemeinsame Interpretation heiliger Texte.


