Nazis, Geheimdienste und der Islam in Deutschland

Stefan Meining: "Eine Moschee in Deutschland. Nazis, Geheimdienste und der Aufstieg des politischen Islam im Westen", Verlag C. H. Beck, München 2011, 316 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 19,95 €, ISBN 978-3-406-61411-8
Rezensent: Gerhard Duncker
Am 6. März 1960 trifft sich in der Münchner Altstadt eine kleine Gruppe Muslime, um die „Moscheebau-Kommission“ zu gründen. 51 Jahre später heißt die „Moscheebau-Kommission“ „Islamische Gemeinschaft in Deutschland“ und gehört zu den einflussreichen Organisationen des politischen Islam in Europa.
Die meisten Gründungsväter, die sich 1960 im Münchner „Wienerwald“ trafen, waren bereits seit Anfang der 40er Jahre in Deutschland und hatten als „Hitlers vermeintliche Geheimwaffe“ (S. 29) als Freiwillige in der Wehrmacht gedient. Gemeinsam wollten sie mit Hitler den ihnen verhassten Stalin bekämpfen. Nach anfänglichem Zögern entdeckten die Nazis, dass „Muslime viel leichter mit religiöser Propaganda zu gewinnen waren als beispielsweise orthodoxe Christen“ (S. 31). Ende 1943 wurde sogar das „Erste Ostmuselmanische SS-Regiment“ gegründet.
Am 8. Mai 1945 vereinbarten die USA und die UdSSR die Zwangsrepatriierung. Innerhalb weniger Wochen mussten mehr als 1,5 Millionen Männer Deutschland in Richtung Russland verlassen, darunter mehrere Hunderttausend muslimische Freiwillige der Wehrmacht. Für viele bedeutete das den sicheren Tod.
Nur wenige konnten sich der Rückführung durch Flucht oder Untertauchen entziehen. Diese wenigen wurden aber alsbald gebraucht als „Kalte Krieger“ in den immer stärker werdenden Auseinandersetzungen der USA mit der Sowjetunion.
Angeleitet von ehemaligen NS-Bürokraten, Vertriebenenfunktionären und Geheimdienstlern sollen sie vor allem über Radiostationen in München für Unruhe unter den Muslimen innerhalb der sowjetischen Einflusssphäre sorgen. Die Münchner Muslime aber haben anderes im Sinn. Sie schicken sich an, in München eine zentrale Moschee zu bauen und so für eine Verortung des Islams in Deutschland zu sorgen. Einflussreiche Muslimbrüder aus Ägypten wie etwa Said Ramadan, saudische Spender und muslimische Einzelpersönlichkeiten wie etwa der libysche Revolutionsführer Gaddafi wirken im Stillen am Aufbau einer islamischen Gemeinschaft in Deutschland mit. 1973 wird das Islamische Zentrum in München offiziell eröffnet.
Stefan Meining, Redakteur des ARD-Politmagazins „Report München“, erzählt in seinem Buch die spannende Geschichte des Aufstiegs des politischen Islams in Deutschland. Er schildert dabei nicht nur die hier kurz skizzierte, weitgehend unbekannte Vorgeschichte, sondern beschreibt auch eindrucksvoll die weitere Entwicklung von 1973 bis zur Gegenwart. Dabei gerät er, wie bei wissenschaftlichen Arbeit zu erwarten, gelegentlich ins Kleinteilige. Der Nicht-Spezialist kann dabei oft nicht die Bedeutung der geschilderten Ereignisse und Personen ermessen, wobei die letzteren in Deutschland auch dem politisch interessierten Laien in der Regel unbekannt sein dürften.
Die „Islamische Gemeinschaft in Deutschland“ (IGD) die aus der „Moscheebau-Kommission“ hervorgegangen ist, vertritt heute im Wesentlichen den arabischen Islam und wird überwiegend von Mitgliedern der ägyptischen Muslimbruderschaft getragen. „Die Beziehungen der IGD reichen durch persönliche Kontakte von Funktionären und gemeinsame Projekte sowohl in den Bereich von islamisch-extremistischen Organisationen arabischstämmiger als auch türkischstämmiger Muslime, sowie zu einer islamischen Hilfsorganisation, die im Verdacht steht, heimlich den islamistischen Terrorismus zu unterstützen. Bei der IGD handelt es sich um eine Organisation mit sehr verzeigten und schwer durchschaubaren Verbindungen in die islamische Szene in Deutschland (homepage: Innenministerium NRW).“
Es ist Stefan Meining zu danken, dass er durch sein Buch ein wenig Licht ins Dunkel des politischen Islam in Deutschland bringt.


