Nahe ist dir das Wort

Hansjörg Schmid, Andreas Renz, Bülent Uçar (Hg.); „Nahe ist dir das Wort...“, Schriftauslegung in Christentum und Islam, Regensburg 2010

Rezensent: Eberhard Helling

Selten ist mir ein Buch in die Hände gefallen, in dem Anspruch und Wirklichkeit einer Veröffentlichung so trefflich zusammen kommen. In dieser Tagungsdokumentation zur gleichnamigen Konferenz des Theologischen Forums Christentum – Islam an der Akademie der Diözese Rottenberg – Stuttgart, die im März 2009 stattgefunden hat, werden nicht nur die substantiellen Vorträge dieser Tagung wiedergegeben; hier wird das Versprechen eines echten Dialoges eingelöst, dass man in der Erkenntnis des Eignen wächst, wenn man sich den Zumutungen des Anderen aussetzt.

So stecken die Tagungsleiter, der Christ Dr. Schmid und der Muslim, Prof. Dr. Uçar das in ihrer Einführung hermeneutische Feld der Tagung ab: geht es doch nicht „um die jeweilige Offenbarungstheologie, sondern (um) die Rezeptionssituation der Texte. ... Die kanonischen Texte von Christen und Muslimen sind in einem kulturellen Umfeld entstanden, das heute vielen Menschen fremd ist. Gleichzeitig erheben sie den Anspruch , eine zeitlos und universal gültige Lebensorientierung zu bieten. Diese Distanz zwischen Geschichtlichkeit und aktuellem Lebensbezug zu überbrücken, ist Aufgabe von Übersetzung und Interpretation, die selbst wiederum kontextuell bedingt sind.“ (S.8)

In einem großen, grundlegenden ersten Teil, werden von fünf Gelehrten die hermeneutischen Grundlagen der christlichen und der islamischen Schriftinterpretation dargelegt. Der christliche Libanese, Prof. Kattan , Lehrstuhlinhaber für Orthodoxe Theologie in Münster macht dabei auf drei ähnliche Prinzipien der christlichen wie der muslimischen Schriftinterpretation aufmerksam; nämlich auf die liturgische Dimension des Schriftverständnisses (S. 32-36), das Festhalten am Literalsinn (S. 37-40) und auf das allegorische Verstehen (S. 40-43).  Dann folgen grundlegende hermeneutische Überlegungen von Prof. Reinmuth, Offenbarung als Literatur? und Prof. Tatar, Die Relevanz der Koranhermeneutik für das heutige muslimische Leben.

In fünf kleineren Teilen werden die hermeneutischen Fragen bei Übersetzungen, in feministischen Auslegungen, für interdependente Interpretationen, bei Deutungsmonopolen und die Möglichkeit einer gemeinsamen Hermeneutik jeweils von einer christlichen und einer muslimischen Seite besprochen.

Das Nachwort, wie auch schon das Vorwort von einem christlich –muslimischen Autorenpaar (Renz / Takim) verfasst, resümiert die vorlegten Vorträge mit ihren Erwiderungen und führt die erinnerten Inhalte zur „Frage nach religionsübergreifenden Kriterien angemessener Schriftauslegung“ (S. 271-275) fort. Dabei werden die Heiligen Schriften 1. als „norma normans“ in den geistlichen Traditionen identifiziert (S: 271f), um sie aber sofort 2. in eine „unhintergehbare Vielfalt und Kontextualität von Auslegungen“(S. 272) einzubetten. Ein Exklusivanspruch der Auslegung kann damit nirgends erhoben werden.  Als drittes Kriterium wird eine Ethik benannt, die es erlaubt, „unterdrückerische und zerstörerische Auslegungen zu kritisieren und zu überwinden.“(S. 274). Schließlich wird ein letztes – und entscheidendes - Kriterium benannt: die Schrift und Schriftauslegung ist „Mittel der Gottesbegegnung. ... Jede theologische Schriftauslegung wird sich daran messen lassen müssen, ob es ihr gelingt, Glauben zu evozieren.“(S. 275)

Mit großem Gewinn für die Klärung des eigenen Schriftverständnisses und für das Kennenlernen der anderen Seite erschließt man sich in die hier dokumentierten, verschiedenen Ansätze. An diesem Kompendium zur christlich – islamischen Schriftauslegung sollte keiner vorbeigehen, der sich ernsthaft mit diesen Fragen beschäftigen möchte.

 
 
 
 
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