Manual für den Kampf der Kulturen
Stefan Weidner, Manual für den Kampf der Kulturen – Warum der Islam eine Herausforderung ist – Ein Versuch, Verlag der Weltreligionen, Frankfurt 2008
Ein Manual für den Kampf der Kulturen im Verlag der Weltreligionen? Dabei wird dieser Verlag durch eine Stiftung gefördert, die sich zum Ziel gesetzt hat, „an die Bedeutung des geistigen und religiösen Erbes der Weltkulturen zu erinnern“?! (s. Klappentext) Dies war für mich die erste Irritation, die ich bei der Lektüre dieses Buches zu bestehen hatte – aber nicht die letzte. Und der kleine Zusatz im Titel, „ein Versuch“, mag andeuten, dass Weidner mit dieser Schrift einen auch für ihn neuen Schritt unternommen hat: vom kritischen Vermittler islamischen Glaubens (Allah heißt Gott. Eine Reise durch den Islam, 2006) und islamischer Lebensart (Mohammedanische Versuchungen, 2004 und div. Übersetzungen arabischer Poesie) hin zum ausgesprochen kritischen Begleiter der westlichen Islamdebatte. Natürlich hat die westliche Perspektive in Weidners Veröffentlichungen mehr oder weniger explizit immer eine Rolle gespielt; im seinem „Manual“ wird sie nun eigens thematisiert und in den literarischen Kulturkampf mit munterer Ironie eingebracht.
Denn dies war für mich die zweite Überraschung, dass nach Weidners Beschreibung der Kulturkampf schon längst im Gange ist - allerdings als eine innerislamische Auseinandersetzung auf literarischer Ebene „um den richtigen Islam“(S. 19). Natürlich – so kann man das auch sehen und damit ist auch das eigentliche Ziel des Buches beschrieben: den literarischen Kulturkampf mit seinen intellektuellen, ironischen, tiefsinnigen und trivialen Seiten anzunehmen - und schon ergeben sich eine Menge weiterer Perspektiven auf die fremde und auf die eigene Kultur, um klar zu stellen, „dass die Kollision der Kulturen kein unabänderliches Schicksal ist“.( S. 187)
Zum Beispiel moniert Weidner, dass in der Asyldebatte der 80er und 90er Jahre der Islam als Religion kaum eine Rolle gespielt habe, da dies im ideologischen Rechts – Links Kulturkampf der alten Bundesrepublik noch keine Rolle gespielt habe. Seine Vermutung: „...dass die Konservativen den Ghetto-Islam als mobilisierungstaugliches Thema noch nicht entdeckt hatten... und dass die politischen Gegner ... deren wunde Punkte herunterspielten..., weil diese nicht in ihr Konzept einer multikulturellen Gesellschaft passten“. (S. 72)
Detail- und kenntnisreich beschreibt Weidner die verschiedenen westlichen und islamischen Schablonen, mit denen man in der kulturellen Auseinandersetzung sich versucht aus dem Wege zu gehen. Sei es unter dem Stichwort „Befruchtungen. Kulturübergreifend“ (S: 106 ff) oder „Aufklärung“ (S. 127 ff )- immer wieder stellt Weidner nachvollziehbar dar, wie sich die westliche und die islamische Kultur gegenseitig befragt und befruchtet, ja, wie Entwicklungen und Zuspitzungen im islamischen Fundamentalismus sich in gegenseitiger Abhängigkeit ergeben haben.
Er selbst bezeichnet sich als Teil eines „abendländisch – postreligösen Wir“ (S. 35), das durch die Anwesenheit des Islam in unseren Breiten dazu genötigt wird „hinzuschauen, uns mit unseren Widersprüchen auseinanderzusetzen“ (S. 40). Nur frage ich mich, der ich mich nicht als postreligiöser Abendländer sehe, sondern der in seiner Kirche sein geistiges Fundament gefunden hat, ob die Haltungen, die Weidner z.B. der Missionsgeschichte zuschreibt, den Kern der Sache treffen: ob nämlich die angeblich anti-aufklärerische Missionsarbeit, die in Afrika Erfolge verzeichnen konnte in den islamischen Ländern aufgeklärte Haltungen erwartet. Wie kann es dazu kommen, wenn die christliche Mission so anti – aufklärerisch angelegt ist, dass gerade in Afrika alle entscheidenden Vertreter von Unabhängigkeitsbewegungen den Missionsschulen entstammen?
Gerade von Afrikanern wird uns Europäern in letzter Zeit immer wieder die aufklärerisch - emanzipatorische Haltung von Missionaren als Vorbild in Erinnerung gebracht. Damit soll natürlich nicht geleugnet werden, dass sich christliche Missionen auch zum Büttel von Kolonisierungen gemacht haben. Dass die religiös verankerten Menschen in unseren Breitengraden eh weniger werden, nimmt Weidner auch in Bezug auf die Muslime an. Damit nimmt der Autor vielleicht einen Trend in seinem eigenen Umfeld wahr, der vom Religionsmonitor der Bertelsmann – Stiftung nicht bestätigt wird.
Welche eigenen Stimmen die Kirchen in das Gespräch zwischen Abendland und islamisch geprägten Ländern einzubringen haben, wurde jüngst von Felix Körner, SJ mit seiner Veröffentlichung „Kirche im Angesicht des Islam“, 2008 vorgeführt. Dass sich an der Frage der Aufklärung und wie diese zu bestimmen ist, auch für das Christentum maßgebliches entscheidet steht außer Frage. Stefan Weidner hat mit seinem Manual ein kluges und kenntnisreiches Buch veröffentlicht, dem weitere Auflagen zu wünschen sind – aber hoffentlich dann mit einem etwas gründlicherem Lektorat, das die Anmerkungen des 2. Teils mit den Ziffern im Text überein bringt.


