Einführung in den Koran

Copyright: Suhrkamp-Verlag

Angelika Neuwirth: „Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang.“, Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-458-71026-4, 859 Seiten, € 39,90

Rezensent: Ralf Lange-Sonntag

Die Grande Dame der europäischen Koranforschung bleibt sich auch in ihrem neuesten Werk treu und verknüpft auf geniale Weise einen programmatischen Entwurf für eine neue Koranforschung mit der von ihr mehrfach geforderten „mikrostrukturellen Lektüre“ des Korans (S. 54). Detaillierte Einzelanalysen von Korantexten fließen ein in grundlegende Überlegungen zur Genese des Korans, die wiederum zum Postulat einer radikal veränderten Koranwissenschaft führen und damit die Lektüre und Analyse des Korans neu bestimmen. Diese zirkuläre Struktur bildet sich in jedem der 13 Kapitel des Werkes ab, was einerseits die Notwendigkeit des methodischen Ansatzes erweist, andererseits aber auch zu Redundanzen führt.
Auf der formalen Ebene ist „Der Koran als Text der Spätantike“ eine allgemeine Einführung in den Koran. Als solche bietet sie nicht nur eine Darstellung der bisherigen Forschung zum Koran, sondern auch eine Fülle von Informationen zu seiner Entwicklung von einzelnen mündlichen Überlieferungen bis zum kanonisierten Text. In gesonderten Kapiteln untersucht Neuwirth zudem die Beziehungen des Korans zu Bibel, altarabischer Poesie und spätantiker Rhetorik. Der Detailreichtum, die Vielzahl der meist arabischen Fachtermini und die Einzelanalysen von Korantexten, die zu einem großen Teil auf früheren Studien von Neuwirth beruhen, v.a. auf ihrer Habilitationsschrift zur Komposition der mekkanischen Suren, sind für Leser mit Vorwissen eine Fundgrube von anregenden und weiterführenden Erkenntnissen; als Hilfe für eine erste Begegnung mit der heiligen Schrift der Muslime eignet sich das Werk jedoch weniger.
Zugleich ist das Buch die Grundlage für einen Handkommentar zum Koran, der unter der Leitung von Neuwirth sukzessive im Rahmen des Forschungsprojekts „Corpus Coranicum“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften erscheinen und den Koran im Rahmen seines historischen Entstehungskontextes darstellen soll. Dabei plädiert Neuwirth dafür, den Koran als „Text der Spätantike“ und damit auf Augenhöhe mit den heiligen Schriften von Judentum und Christentum wahrzunehmen. Entgegen der landläufigen Vorstellung, dass die arabische Halbinsel zu Lebzeiten Muhammads eine „schauerliche Öde“ gewesen sei (nach dem Titel eines Aufsatzes von Stefan Wild), führt Neuwirth den Nachweis, dass die koranischen Verkündigungen ein Publikum voraussetzen, das gleichermaßen mit jüdischen und christlichen Glaubensinhalten, mit altarabischer Poesie und mit griechischer Philosophie vertraut war. Im Lichte der Spätantikenforschung zeigt sich der Koran daher nicht einfach nur als „Gründungstext des Islam“, sondern vielmehr als „orientalisch-europäischer Text“ (S. 67), der also sowohl zum orientalischen wie auch zum europäischen Erbe gehört und deshalb einen „europäischen Zugang“ (so der Untertitel) rechtfertigt.
Neuwirth geht jedoch noch einen Schritt weiter und fordert eine „radikale Drehung der Forschungsperspektive“ (S. 20): Nicht der kanonisierte Korantext, sondern der zu rekonstruierende „Prozeß der allmählichen Annäherung von Text und Hörererwartungen“ (S. 112) ist Dreh- und Angelpunkt der Koranforschung. Dies hat weitreichende Konsequenzen: Es verbietet sich einerseits, den Korantext teleologisch zu verstehen, d.h. die frühen Texte vom Ende her zu interpretieren oder Texte verschiedener Entstehungszeit synchron, d.h. ohne Beachtung ihrer chronologischen Einordnung, zu deuten. Andererseits wehrt sich Neuwirth gegen das vor allem in der westlichen Koranforschung anzutreffende „Epigonalitätssyndrom“ (S. 37), das den Koran nur als unzureichendes Plagiat der Bibel oder der altarabischen Poesie versteht. Das von Neuwirth postulierte Verständnis des Korans als „Traditionsliteratur“ statt „Autorenliteratur“ (S. 109) legt den Fokus auf die Gemeinde und deren Interdependenz mit dem sich entwickelnden Korantext und lässt auf der anderen Seite die Person des Verkündigers in den Hintergrund treten. Die von vielen Forschern für die Exegese des Korans zu Hilfe genommenen Texte zur Prophetenbiographie (sog. Sira-Literatur) werden von Neuwirth als sekundär und tendenziös und daher als irrelevant für die Interpretation der Korantexte entlarvt. Allein die Unterscheidung in eine mekkanische und eine medinische Entstehungsphase hat vor ihr Bestand. Der Name „Muhammad“ hingegen ist für sie nur ein Ehrentitel, der erst in der letzten Phase der Verkündigung Anwendung findet.
Entgegen ihrem Ziel, die islamische und die nicht-islamische Koranforschung zusammenzuführen, werden die Ausführungen von Neuwirth bei der Mehrheit der Muslime auf Ablehnung stoßen. Auch im christlich-muslimischen Dialog wird es zu Verstimmungen kommen, wenn von christlicher Seite die von Neuwirth in Anlehnung an die historisch-kritische Bibelexegese entwickelte Korandeutung zur Sprache kommt. Relevanter für den Dialog ist eher die von Neuwirth ausgesprochene Kritik an der sog. Inlibrationsthese (S.158ff.), nach der im Christentum das Wort Fleisch (Inkarnation), im Islam jedoch Buch (Inlibration) geworden sei. Diese These greife zu kurz, denn der Koran realisiere sich nicht nur durch den Inhalt des schriftlichen Textes, sondern auch und vor allem in der Schriftkunst und in der Rezitation. In der Tat gilt es für den christlich-muslimischen Dialog, diese von Neuwirth mehrfach betonte Mehrdimensionalität des Korans stärker als bisher wahrzunehmen und anzuerkennen.


 
 
 
 
Koran als Text der Spätantike
 

Die Seite islam-dialog.ekvw.de ist ein Projekt der
Evangelischen Kirche von Westfalen, Landeskirchenamt - Altstädter Kirchplatz 5 - 33602 Bielefeld
Fon (Zentrale): 0521 / 594-0 - Fax (Zentrale): 0521 / 594-129 - Landeskirchenamt@lka.ekvw.de - Impressum