Gottes Menschenwort

Nasr Hamid Abu Zaid, Gottes Menschenwort – Für ein humanistisches Verständnis des Koran; ausgewählt, übersetzt und mit einer Einleitung von Thomas Hildebrandt, Buchreihe der Georges Anawati Stiftung, Band 3, Freiburg 2008

Rezensent: Eberhard Helling

Professor Abu Zaid ist vielen durch seine ungewöhnliche Biographie bekannt: als Koranlehrer an der renommierten Kairoer Universität sah er sich Mitte der 1990 er Jahre Apostasievorwürfen ausgesetzt. Diese führten nach mehreren Prozessen zur Zwangsscheidung von seiner Frau. Das Ehepaar Zaid ging schließlich ins Exil in die Niederlande.

Diese dramatische Geschichte, mit ihren vorausgegangenen Auseinandersetzungen bildet den privaten Hintergrund der koranexegetischen Schriften Abu Zaids, die vom Islamwissenschaftler Thomas Hildebrandt in einer sorgfältigen Edition übersetzt und eingeleitet worden sind. Bietet die ausführliche Einleitung zunächst einen Überblick zur Entstehungsgeschichte und den Hintergründen der fünf Aufsätze und Reden, so führen die gut verständlichen Texte von Abu Zaid in die Weite der Geschichte der Koranexegese und natürlich auch in die Aktualität der jeweiligen Entscheidungen. Zugleich bekommt der Leser vor allem im vierten Text „Der Koran. Gott und Mensch in Kommunikation“ eine Vorstellung davon, wie der Koran bis heute nicht nur das geistliche Leben der Muslime sondern auch ihre Alltagssprache geprägt hat.

Da die Texte eine Spanne von gut 10 Jahren dieses großen muslimischen Denkers umfassen, wird in ihnen auch eine Entwicklung erkennbar: betont Abu Zaid zunächst die Textualität des Koran, um ihn mit linguistischen Mitteln zu verstehen und um vor allem seine ästhetischen  Qualitäten kenntlich zu machen, so erweitert er im jüngsten Text seine Vorstellung. Nun wird der Koran nicht nur als geoffenbarter Text beschrieben – dies bezeichnet Abu Zaid als die vertikale Dimension des Koran. Die horizontale Dimension  lässt den Koran als Diskurs sehen – eine Dimension, die dem Koran selbst inne wohnt. Es geht Abu Zaid um eine „demokratische Hermeneutik. Wenn wir das religiöse Denken ernsthaft von den Manipulationen der Mächtigen befreien wollen, ob im politischen, sozialen oder religiösen Bereich, um die Formulierung von Bedeutung wieder in die Hand der Gemeinschaft zu legen, dann müssen wir offene, demokratische und humanistische Formen der Hermeneutik entwickeln.“ (S. 164) Auch diese offenen Formen der Hermeneutik weiß Abu Zaid in der Geschichte der Koranexegese zu verankern. Diese diskursive Sichtweise hat nicht nur erhebliche Auswirkungen auf die Interpretation von Koran, bis hin zur konkreten Rechtssprechung der Scharia, hier bezogen auf die verschiedenen Strafarten, die im Koran überliefert sind, zieht Abu Zaid die Konsequenzen: „... dann lässt sich die Frage stellen, ob diese Strafen aus dem Islam selbst stammen und somit originär islamisch sind. Die Antwort ist eindeutig negativ. Denn all diese Strafen gab es schon vor dem Islam.“ (S. 195 f)

Die immer wieder gehörte Frage, ob der Islam nicht endlich eine „Aufklärung“ durchlaufen müsste, kommt auf den Fragesteller zurück: ob dieser sich nicht endlich über die Vielfalt der koranischen Auslegungsmöglichkeiten aufklären lassen möchte. Die Frage, wie repräsentativ die Ausführungen von Prof. Abu Zaid allerdings für die islamische Welt in Europa ist, diese Frage bleibt spannend.

 
 
 
 
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