Eine andere Geschichte des Islam

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Thomas Bauer: „Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“, Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-458-71033-2, 463 Seiten, gebunden, € 32,90

Rezensent: Ralf Lange-Sonntag

Dem Münsteraner Professor für Islamwissenschaften und Vorstandsmitglied des Exzellenz-Clusters „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ist mit dem vorliegenden Werk ein Meisterwerk gelungen. Bauer rückt nicht nur die Geschichte des Islams in ein ganz neues Licht, sondern kritisiert mit guten Argumenten gängige Urteile über dessen Wesen.
Seinen Ausgang nimmt Bauer bei psychologischen Überlegungen zur Ambiguität. Der Umgang mit Mehrdeutigkeiten ist Teil der conditio humana, und die Fähigkeit mit Mehrdeutigkeiten zu leben, ist Ausdruck einer psychologisch stabilen Person. Bauer möchte den Begriff der Ambiguität für die Kulturwissenschaften fruchtbar machen und stellt fest: „Kulturelle Ambiguität zeichnet sich … dadurch aus, daß einander widersprechende Normen gleichzeitig gelten können.“ (S.29). Der Autor untersucht daraufhin islamische Traditionen, inwieweit dort Ambiguitäten vorhanden sind und wie in der Vergangenheit mit Mehrdeutigkeiten umgegangen wurde. Zeitlich legt er dabei den Schwerpunkt auf die nachformative Periode des Islams, genauer: auf die Zeit der Ayyubiden und Mamluken, d.h. auf die Zeit vom Ende des 12. bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts. Bauer kommt dabei zu dem Urteil, dass der Umgang mit auftretenden Mehrdeutigkeiten überwiegend darin bestand, solche Ambiguitäten zuzulassen, gegebenenfalls zu bändigen, sie jedoch nicht zu beseitigen. Die Ambiguitätstoleranz ging sogar so weit, dass Meinungsverschiedenheiten durchaus als Gnade Gottes angesehen wurde und die muslimische Gesellschaft „Freude an der Vielfalt“ (S.351) zeigte.
Nach einem grundlegenden Kapitel weist der Autor in den folgenden Abschnitten seines Werks systematisch nach, wie sich solche Ambiguitätstoleranz auf den Gebieten von Koranlesung und -deutung, Hadith, Recht, Politik, Sexualität und Literatur auswirkte. Auf allen diesen Gebieten zeigt sich ein „Ambiguitätsbewußtsein, das weite Bevölkerungskreise über mehr als tausend Jahre durchdrungen haben muß“ (S.46).
Die Mehrdeutigkeiten zum Beispiel, die bei der Kodifizierung des Korantextes auftraten, führten entsprechend nicht zur Ermittlung eines textus receptus bei gleichzeitiger Eliminierung aller anderen Varianten, sondern zum Konzept der symbolisch verstandenen „sieben Lesarten“. Was für den Text gilt, zeigt sich auch bei der Interpretation des Korantextes. Die muslimischen Exegeten gingen von der Grundannahme aus, „wonach jede Auslegung nur Wahrscheinlichkeit, nicht aber Gewissheit beanspruchen kann“ (S.123). Ähnliches kann Bauer auch für die Bereiche des Hadith und des Rechts nachweisen. In allen drei Bereichen zeigt sich aber auch, dass die Mehrdeutigkeit zur Krise führen kann. Der Herausforderung der ausufernden Vielstimmigkeit wurde aber nicht die Vereinheitlichung, sondern die Einschränkung entgegengesetzt. Mit den Worten Bauers: „Im Grunde lassen sich alle wichtigen Schritte … der Hadithwissenschaft nach dem Muster Ambiguitätskrise – Ambiguitätszähmung erklären.“ (S.146)
Angesichts der über Jahrhunderte im Islam vorherrschenden Ambiguitätstoleranz wirkt das Bild des heutigen Islams mit seiner starken Betonung von klaren Regeln und dem Anspruch, eindeutige Wahrheiten zu besitzen, befremdlich. Doch nach Bauer „ist die Ambiguitätsintoleranz des modernen Islams ein Phänomen der Moderne“ (S.53). Der Kolonialismus und die Übermacht exakter Naturwissenschaften, wie sie eine ambiguitätsintolerante westliche Gesellschaft im 19. Jahrhundert betrieb, übten einen solchen Druck auf die Muslime aus, dass diese nach und nach das westliche Postulat der Eindeutigkeit zu ihrem eigenen machten. In diesem Sinne erweist sich die sogenannte Re-Islamisierung als „Projekt, aus Versatzstücken der Tradition eine Ideologie zu schaffen“ (S.341f.). Doch auch der Reformislam, der seine Auslegung des Korans und des Hadith als die einzig richtige ansieht, stellt sich als die andere Seite der Münze dar. Beide, Salafisten und Reformer, agieren nach dem „Gesetz der Asynchronzität, nach dem nichtchristliche Gesellschaften … die Standards des Westens genau dann erfüllen, wenn sie im Westen nicht mehr gelten“ (S.387).
Es ist nicht nur die aufgrund der Datenfülle überzeugende Analyse der Ambiguitätstoleranz im Islam, die das vorliegende Buch auszeichnet. Es ist auch beachtlich, wie Bauer sozusagen im Vorübergehen gängige Ansichten sowohl der gesellschaftlichen Debatte als auch der Wissenschaft dekonstruiert. Allein der Nachweis, dass Ambiguität in der Ayyubiden- und Mamlukenzeit meisterhaft gefördert wurde, widerlegt die These, dass nach der formativen Periode des Islam nur ein Abstieg der muslimischen Kultur zu verzeichnen wäre. Ebenso kritisiert der Münsteraner Islamwissenschaftler die „Islamisierung des Islams“ (Kap.6). Die Annahme, dass alle Bereiche des Lebens vor allem durch die religiöse Sphäre determiniert gewesen wären, erweist sich als irrig. Vielmehr wurden durch die westliche Wissenschaft „ganze Bereiche säkularen Lebens … durch die Bezeichnung ‚islamisch’ terminologisch sakralisiert“ (S.194). Dies gilt auch für die Politik: Die häufig betonte Einheit von Din und Daula, von Religion und Staat, ist vielmehr ein Kampfbegriff, der erst Ende des 19. Jahrhunderts aufkam. Überlegenswert ist auch die These Bauers, dass es nicht die Aufklärung ist, die dem Nahen Osten fehlt, wie viele behaupten, sondern eher die 68er-Bewegung, die Hierarchien und angebliche Eindeutigkeiten in Frage stellte.
Nur auf die Frage, wie auf die Ambiguitätsintoleranz der heutigen muslimischen Welt reagiert werden soll, antwortet der Autor sehr unbestimmt. Für ihn reicht es aus, im Hinblick auf den zeitgenössischen radikalen Islam „weniger zu tun und mehr zuzulassen“ (S.404) und höchstens „Hinweise (zu) geben auf die Bedingungen der Möglichkeit einer ambiguitätstoleranten, pluralitätsfördernden Welt“ (S.375). Ob damit dem Islam wirklich geholfen ist, bleibt fraglich.

 
 
 
 
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