Die vierte Moschee

Ian Johnson: „Die vierte Moschee. Nazis, CIA und der islamische Fundamentalismus“, aus dem Englischen von Claudia Campisi, Klett-Cotta, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-608-94622-2, 360 Seiten, € 22,95

Rezensent: Ralf Lange-Sonntag

Im Winter 2003 entdeckt der Pulitzer-Preisträger Ian Johnson in einer muslimischen Buchhandlung in London eine Weltkarte mit den Abbildungen von vier wichtigen Moscheen: neben Mekka, Jerusalem und Istanbul auch die Moschee des Islamischen Zentrums München. Die Frage, warum gerade diese Moschee ausgewählt wurde, geht dem Autor nicht mehr aus dem Sinn und führt ihn dazu, nach der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der „vierten Moschee“ zu forschen. Nach fünf Jahren Recherche hat Johnson im Jahr 2010 das Ergebnis seiner Nachforschungen veröffentlicht, das nun auch in deutscher Sprache vorliegt, zeitgleich mit Stefan Meinings „Eine Moschee in Deutschland“ zum gleichen Thema (siehe die Rezension von Gerhard Duncker).
Der erste Teil – „Heißer Krieg“ betitelt – behandelt die Zeit des Zweiten Weltkriegs, in der zwar der Moscheebau in München noch keine Rolle spielt (wie fälschlicherweise im Klappentext behauptet wird), in der jedoch versucht wird, Muslime dafür zu gewinnen, gegen die Sowjetunion zu arbeiten. Treibende Kraft ist Gerhard von Mende, der als Kenner der ethnischen Minderheiten der Sowjetunion im Ostministerium arbeitet.
Erst in der Nachkriegszeit rückt München ins Zentrum des Interesses, weil sich viele der in Deutschland verbliebenen Muslime aus der Sowjetunion dort ansiedeln können. Der zweite Teil des Buches („Kalter Krieg“) zeichnet nach, wie einerseits die CIA, andererseits ein bundesrepublikanischer Geheimdienst unter der Leitung von Gerhard von Mende versuchen, die Münchner Muslime für antisowjetische Zwecke zu instrumentalisieren. Dabei rückt immer mehr der Gedanke eines Moscheebaus in den Vordergrund. Im Streit der Geheimdienste um die Gunst der Münchner Muslime entpuppt sich laut Johnson die Gruppe der Muslimbrüder – in Gestalt des umtriebigen Said Ramadan – als lachender Dritter. Der Westen, so die These des Autors, habe auf diesem Weg über Jahrzehnte den islamischen Fundamentalismus in München gefördert und hoffähig gemacht.
Im letzten Teil, sehr schematisch „Moderner Krieg“ überschrieben, beschäftigt sich Johnson mit der Wirkungsgeschichte der Münchner Moschee und skizziert die Verflechtungen der „vierten Moschee“ in radikal-muslimische Netzwerke. Zeitlich deckt er dabei die Zeit vom Tod von Mendes (1963) über die Einweihung der Moschee (1973) bis zu den personalpolitischen Konsequenzen aus dem Attentat von 11. September 2001 ab.

Über weite Strecken liest sich „Die vierte Moschee“ so spannend wie ein Thriller, und zumindest der zweite Teil bietet eine Fülle von historischen Details, die den Machtkampf der Geheimdienste und der Muslimbrüder um die Münchner Muslime anschaulich machen. Doch der reißerische Ton impliziert zugleich die erheblichen Mängel des Buches. Statt einer chronologischen Anordnung der Ereignisse bevorzugt Johnson häufige Szenenwechsel, Rückblicke und Vorschauen und bricht oft an Wende- oder Höhepunkten ab, nicht ohne vorher noch eine geheimnisvolle und daher Interesse heischende Anspielung zu machen. Ebenso erhöht Johnson für die Entstehung der Münchner Moschee eher unbedeutende Personen zu „dramatis personae“, die er am Anfang seines Werkes auflistet. Zum Beispiel wird der derzeitige Vorsitzende des Moscheevereins, Ibrahim El-Zayat, trotz der Einstufung als Hauptperson nur auf den letzten acht Seiten des Buches erwähnt und spielt für die Entstehung der Moschee keine Rolle. Unhaltbar sind auch die Simplifizierungen und Verkürzungen, die das Buch durchziehen, wenn zum Beispiel die „Islamische Gemeinschaft Milli Görüş“ als „türkischer Zweig der Muslimbruderschaft“ (S. 244) bezeichnet wird. Ohnehin wirft der Autor alle radikalen muslimischen Gruppierungen in einen Topf, ohne andererseits die Entwicklung der Muslimbruderschaft wahrzunehmen. Auch die These, dass der Moscheebau in München die Blaupause für die Geschehnisse des 11. September gewesen sei, beruht auf Übertreibung. Eine direkte Linie von München nach New York lässt sich keineswegs beweisen. Außerdem wurde schon im Ersten Weltkrieg versucht, muslimische Kriegsgefangene durch den Bau einer Moschee (Holzmoschee im Wünsdorfer „Halbmondlager“, 1915) für die Interessen der deutschen Politik einzuspannen. Schließlich wird auch die Ausgangsfrage, warum gerade die Münchner Moschee zu den vier wichtigsten Moscheen gezählt wird, nur mit Vermutungen beantwortet. Das Naheliegendste, nämlich den Herausgeber der Weltkarte, die Islamic Foundation aus dem englischen Markfield, zu fragen, unterbleibt, obwohl Johnson ihr einen Besuch abstattet. Die Spannung schien ihm eben doch wichtiger zu sein als eine klare Information.

 
 
 
 
Die vierte Moschee
 

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