Einblicke in das neue Arabien

Rainer Hermann: „Die Golfstaaten. Wohin geht das neue Arabien?“, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011, ISBN 978-3-423-24875-4, 360 Seiten, € 14,90

Rezensent: Ralf Lange-Sonntag

Das Jahr 2011 war geprägt durch enorme Veränderungen in der arabischen Welt. Der „Arabische Frühling“ führte dazu, dass langjährige Machthaber wie Mubarak und Ghaddafi entmachtet wurden, während in anderen Staaten sich Despoten nur mit brutaler Gewalt an der Macht halten konnten. Wer in solchem Jahr ein Buch über „das neue Arabien“ publiziert, kommt daher nicht umhin, die Entwicklungen in Nordafrika und im Nahen Osten zu analysieren und Prognosen für die Zukunft anzubieten. In der Tat bleibt Hermann seinen Lesern eine Antwort auf die Frage nach den Ursachen der „Arabellion“ nicht schuldig: Den Schlüssel für das Geschehen sieht der Autor in der Armut, der mangelnden Teilhabemöglichkeit und der verletzten Würde der jungen Menschen. Für die Zukunft der betroffenen Staaten prophezeit er Rückschläge, das Rad der Entwicklung lasse sich jedoch nicht zurückdrehen: „In der arabischen Welt ist der Geist aus der Flasche.“ (S.14)
Das „neue Arabien“ jedoch, von dem der Untertitel des Buches spricht, bezieht sich nicht auf ein post-despotisches Arabien, nicht auf Ägypten nach Mubarak oder Tunesien nach Ben Ali. Hermann kontrastiert vielmehr das alte Arabien, die kulturhistorisch bedeutsamen Zentren Nordafrikas und des Nahen Ostens, mit dem neuen Arabien, den aufsteigenden Golfstaaten, allen voran Dubai und Abu Dhabi, wo der FAZ-Korrespondent seit 2008 lebt und arbeitet.
„Das Gravitationszentrum der arabischen Welt hat sich an den Golf verschoben.“ (S.300), so konstatiert Hermann, denn während das alte Arabien seit Jahrzehnten stagniere, sei die Golfregion von einem atemberaubenden Entwicklungsprozess geprägt. Dabei fallen jedoch auch innerhalb des 1981 gegründeten Golfkooperationsrates unterschiedliche Geschwindigkeiten und Dynamiken ins Gewicht. Immerhin kann Hermann selbst Saudi-Arabien einen langsamen und mühsamen, aber unaufhaltsamen Reformprozess bescheinigen, der jedoch in keinem Vergleich zu dem kometenhaften Aufstieg der Vereinigten Arabischen Emirate steht, die im Zentrum des vorliegenden Werks stehen. Vor allem die Emirate Dubai und Abu Dhabi präsentieren einen Superlativ nach dem anderen: das höchste Gebäude der Welt (Burj Khalifa in Dubai, 828m), die Moschee mit dem größten Teppich und dem größten Kronleuchter (Sheikh-Zayed-bin-Sultan-Moschee in Abu Dhabi), der größte künstlich angelegte Seehafen (Jebel Ali, Dubai), aber auch die zweitgrößte Shoppingmall (Dubai Mall) und die schnellste Achterbahn der Welt (Ferrari World, Abu Dhabi). Doch Hermann legt zurecht Wert darauf, dass der in den Superlativen sich zeigende Aufstieg „vom Fischerdorf zur Metropole“ (S.106) nicht einfach nur als typisches Geprotze von Neureichen zu interpretieren sei. Natürlich bilde das Erdöl die Basis des Reichtums, doch der Erfolg der Emirate beruhe vielmehr auf weit reichenden politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Entscheidungen. Da sich die Emirate der Begrenztheit der Erdölressourcen bewusst seien, haben sie frühzeitig ein Programm der wirtschaftlichen Diversifikation umgesetzt, das auf die unterschiedlichsten Wirtschaftszweige setze, die Hermann in bisweilen ermüdender Detailfülle präsentiert. Durch Ausnutzung der geographischen Lage zwischen Asien, Afrika und Europa, durch geschickte Steuer- und Zollbefreiungen und durch enorme Anreize in der Tourismusbranche seien die Emirate und besonders Dubai weltweit zu einer „der wichtigsten Drehscheiben für Menschen und für Güter“ (S. 106) geworden. Gegenüber der oft geäußerten Kritik, dass die Golfstaaten zwar wirtschaftlichen Erfolg hätten, aber seelenlose Gebilde seien, verweist Hermann auf die Vielzahl von Initiativen in den Bereichen von Kultur und Bildung. So haben bereits namhafte kulturelle und wissenschaftliche Einrichtungen wie der Louvre oder die Sorbonne Dependancen in den Emiraten. Der FAZ-Korrespondent muss jedoch zugeben, dass das bisherige Schulsystem Anlass zur Ernüchterung bietet (S.233). Ohnehin bringe der wirtschaftliche Erfolg manche bedenkliche Folge mit sich, wie soziale Spannungen, gesundheitliche Zivilisationskrankheiten oder zunehmenden Drogenkonsum.
Doch trotz innerer und äußerer Krisen (Stichwort Immobilienkrise) werden die Emirate – so die Überzeugung des Autors – mit ihrer „Symbiose von Islam und Kapitalismus“ (S.104) ein entscheidender Faktor in der muslimischen Welt bleiben. Zum einen sei dies darin begründet, dass diese Symbiose die einzige liberale Antwort im muslimischen Raum auf die Herausforderungen der Globalisierung darstelle, zum anderen, dass die Emirate mit ihrem hohen Anteil an ausländischer Bevölkerung (80-90%)schon jetzt ein „Mikrokosmos der islamischen Welt“ und ein „Schaufenster eines modernen Arabien“ (S.105) seien.
Mit seinen profunden Analysen und der Fülle von Fakten wird „Die Golfstaaten“ wie Hermanns Buch über die Türkei zu einem Standardwerk werden. In übersichtlicher Weise deckt es alle wichtigen Themenbereiche in Einzelkapiteln ab, von der Geschichte über Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Religion bis zur Architektur und Raumplanung. Reportagen, die zum Teil zuerst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht worden sind, bieten zusätzliche Einblicke in das „neue Arabien“. Mangelhaft sind jedoch die vier beigefügten Karten, die nur bedingt bei der Lektüre helfen. Eine Neuauflage sollte daher um genaueres und vielfältigeres Kartenmaterial ergänzt werden,

 
 
 
 
Das neue Arabien
 

Die Seite islam-dialog.ekvw.de ist ein Projekt der
Evangelischen Kirche von Westfalen, Landeskirchenamt - Altstädter Kirchplatz 5 - 33602 Bielefeld
Fon (Zentrale): 0521 / 594-0 - Fax (Zentrale): 0521 / 594-129 - Landeskirchenamt@lka.ekvw.de - Impressum