Bibel und Koran im Religionsunterricht

Frank van der Velden (Hg.): „Die Heiligen Schriften des Anderen im Unterricht. Bibel und Koran im christlichen und islamischen Religionsunterricht einsetzen.“, V & R unipress, Göttingen 2011, 244 S., kartoniert, 21,90€, ISBN 978-3-89971-630-6
Rezensent: Dr. Rainer Dinger
Im April 2010 fand an der Deutschen Evangelischen Oberschule Kairo (DEO) eine Fachtagung mit Lehrenden und Studierenden der christlichen und islamischen Religionspädagogik aus Deutschland und Ägypten, sowie Unterrichtenden, Schülerinnen und Schülern des christlichen und islamischen Religionsunterrichts statt. Frank van der Velden, Fachleiter für Religion an dieser Schule, hat einen Band mit den wichtigsten Vorträgen und Diskussionsbeiträgen der Tagung herausgegeben. In der von der Deutschen Evangelischen Gemeinde Kairo mit Unterstützung der EKD getragenen Oberschule und den anderen pädagogischen Einrichtungen der Gemeinde mit Kindergarten, Vorschule und Grundschule begegnen sich Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher sozialer Herkunft, kultureller Milieus und religiöser Zugehörigkeit. 75% der insgesamt ca. 1200 Kinder und Jugendlichen sind Muslime, die anderen sind evangelische und katholische Christen westlicher Prägung oder koptische Christen aus Ägypten. Zum Konzept der Begegnungsschule gehört die Öffnung für zahlreiche Fachleute und Interessierte aus Deutschland (zu denen im Januar 2009 auch eine Delegation aus Schulleitungen und Mitgliedern des Landeskirchenamts der EKvW zählte.) Wenn Schüler Lesen, Schreiben, Rechnen - zudem sich selber und miteinander kennen lernen sollen, dann bedarf es auch der Begegnung in der Tiefendimension der Religion. Deshalb ist der Religionsunterricht an der DEO Pflicht. Er wird durchgehend auf Deutsch erteilt, bis Klasse 10 nach Konfessionen getrennt (ev./kath., koptisch, islamisch), ab Klasse 11 als „kooperativer Religionsunterricht“ nach einem von der Deutschen Kultusministerkonferenz genehmigten Lehrplan. Dass im Religionsunterricht profundes Fachwissen über die eigene Religion und über die Religion der Anderen vermittelt wird, ist hier nicht anders als in Deutschland. Die besondere Herausforderung des an der DEO praktizierten Kooperationsmodells liegt darin, dass jeder die Angehörigen anderer Religionen direkt wahrnimmt. Im Miteinander mit den Anderen muss er für sich selbst entscheiden, was er von seinem eigenen Glauben zeigen und ob er dem Anderen die Möglichkeit kritischer Stellungnahme einräumen möchte. Die Schwierigkeiten und Herausforderungen bündeln sich in der unterschiedlichen Weise des Umgangs mit der Heiligen Schrift des Anderen, nämlich in der Frage, „inwieweit dem Anderen eine Deutungskompetenz über meine eigene Heilige Schrift gewährt werden kann“ (van der Velden, S.16).
Die 3 einleitenden Beiträge des Bandes skizzieren Perspektiven des Gespräches der Religionen auf eher grundsätzliche Weise. Johannes Lähnemann (Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik des Ev.RU, Erlangen) betrachtet die globalen Herausforderungen der christlichen und islamischen Religionspädagogik i(S.23-37) m Lichte des Projektes Weltethos. Er beschreibt die Lernweisen des Identitätslernens, des dialogischen und kooperativen Lernens als Aufgaben aller Menschen der Weltgemeinschaft, innerhalb derer die christlich-jüdisch-muslimische Begegnung nur einen Spezialfall darstellt.
Peter Graf (ehemals Lehrstuhl für interkulturelle Pädagogik, Osnabrück) nennt vier Axiome religiöser Orientierung, denen er bestimmte Formate der Wahrnehmung zuordnet (S.39-60). Die rein formale Betrachtungsweise kann sich seiner Meinung nach erst zur Wirkung entfalten, wenn sich Menschen wirklich auf den Weg machen, einander im Vollzug ihrer Religion zu begegnen – interreligiöses Gespräch wird zur spirituellen Erfahrung.
Manfred Riegger (Didaktik des katholischen RU, Augsburg) entwirft vor dem Hintergrund konstruktivistischer Theoriebildung neun Muster des Fremderlebens wie z.B. neutrale Indifferenz, gewaltbereite Fremdenfeindlichkeit (negativ) oder Anerkennung des Fremden mit Respekt und Achtung (positiv) (S. 83-101).
Die folgenden 7 Beiträge beziehen sich auf unterschiedliche Praxissituationen. Harry Harun Behr (Lehrstuhl für islamische Religionspädagogik, Erlangen) berichtet eindrucksvoll von einer Begegnung seiner Schüler im islamischen Religionsunterricht mit dem Vaterunser (S.83-102). Die Einführung des Gebetes wurde zunächst so inszeniert, dass es von den Schülern nicht sofort als christlicher Text identifiziert, wohl aber als Akt der Hinwendung zu Gott verstanden wurde und daraufhin zur Haltung der Achtsamkeit auf Jesus und dessen Gottesbeziehung nötigte. Als die Schüler später äußern: “das Vaterunser gehört nicht den Christen, sondern allen Menschen“ wird diese Stellungnahme vom Lehrer nicht geteilt. Aber er wendet deren Vorschlag einer Enteignung eines für die christliche Kirche zentralen Textes umgekehrt auf die Möglichkeit einer externen Auslegung des Koran an: „Ihr wollt, dass die Menschen mehr vom Islam und Koran erfahren? Dann müsst ihr es aushalten, dass sie sich mit den Texten auseinandersetzen“ (S.93).
Georg Langenhorst (Lehrstuhl für RP und Didaktik des kathol.RU, Augsburg) bedenkt den Einsatz von Korantexten im katholischen Religionsunterricht (S.103-122). Unter Hinweis auf die inklusivistischen Positionen des 2.Vaticanum spricht er sich für die Anerkennung des Koran als Offenbarungszeugnis aus, sofern er christlichen Lehren nicht widerspricht, sondern diese bestätigt. Weitergehende Versuche eines katholisch-islamischen Dialogs (Küng, Leimgruber) werden in die Schranken verwiesen. Die „Basis des theologischen Selbstverständnisses der katholischen Kirche, zumindest einer Mehrheit der TheologInnen und des Lehramts“ (S.110) wird so einer möglichen Anfrage durch die Religion des Anderen von vornherein entzogen.
Auf andere Weise ernüchternd wirkt das Ergebnis der Untersuchung von Wolfgang Reiss (Lehrstuhl für Religionswissenschaft, Wien) über die Darstellung der Bibel in ägytischen Schulbüchern für den Islam-, den Geschichts- und den Sozialkundeunterricht (S.123-147). Durchgehend wird den muslimischen Schülern die Bibel ausschließlich aus der Perspektive des Islam dargestellt. Die „christliche Bibel“ kommt nirgends vor. Die Möglichkeit einer wenigstens mündlichen Darstellung von Unterschieden der christlichen und islamischen Sichtweisen wurde im Erziehungsministerium und von islamischen Gelehrten, aber auch von leitenden Persönlichkeiten der koptisch-christlichen Kirche zurückgewiesen, um nicht Auseinandersetzungen zu provozieren, die letztlich der christlichen Minderheit in Ägypten schaden würden.
Demgegenüber plädiert Michaela Neumann (Didaktik des kathol.RU, Augsburg) für „Klein beginnen: interreligiöses Lernen im Primarbereich“ (S.149-166). Unter Wahrung der amtlichen Rahmenbedingungen aus katholischer Perspektive weist sie auf praktische Annäherungen an den Koran im katholischen RU der Grundschule hin, wobei sie durchaus eine echte Begegnung mit der Religion des Anderen intendiert. Auch für die Lehrkräfte bleibt solch ein Unterricht nicht ohne Wirkung: „Interreligöses Lernen ist immer ein Schritt ins Ungewisse, ein Wagnis, das mit Anfragen und Verunsicherungen, aber auch mit einem Wissen um bleibende Fremdheit verbunden ist.“ (S.165)
Birte Platow (Didaktik des ev.RU, Augsburg) bedenkt Erfahrungen im Umgang mit dem Koran im ev. RU der Sek I vor dem Hintergrund der konstruktivistischen Textinterpretation. Einen Zugang zur Heiligen Schrift des Anderen „an sich“ kann es in dieser Perspektive nicht geben. Das Wissen um die „in uns angelegte Strategie, uns vom Anderen ein eigenes Bild zu machen, anstatt sich von diesem Anderen anmuten zu lassen“ (S.183) lässt sie aber nicht kapitulieren. Vielmehr rechnet sie mit der Neugier der Schülerinnen und Schüler als Möglichkeit, sich dem fremdartig Anderen anzunähern; und sie vertraut auf die selbstkritische Potenz der Eigenwahrnehmung und Wirksamkeit realer Begegnung, in der eben doch Neues außerhalb des eigenen Selbst wahrgenommen werden kann.
Am deutlichsten praxisbezogen, aber nicht minder didaktisch reflektiert, ist der Artikel von Frank van der Velden über den Umgang mit der Heiligen Schrift des Anderen im kooperativen RU an der DEO (S.187-220). Aus der Fülle der dargebotenen Aspekte sei hier nur auf die trialogische Dimension des Offenbarungsverständnisses hingewiesen, die sich im Gespräch über das Verständnis von „Evangelium“ bei Juden, Christen und Muslimen auftut. Die muslimischen Schüler verstehen die dem Isa Ibn Maryam von Gott offenbarte Botschaft als ingil, die sie in der Grundschrift der synoptischen Spruchquelle der Evangelien entdecken. Von daher ergibt sich regelmäßig eine gewisse Sympathie der ägyptischen (!) Schüler für eine judenchristliche (vorchristliche?) Perspektive, in der es noch keine Verkündigung von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi gab. Die von christlicher Seite gerne vorgebrachte Forderung an die islamische Auslegung des Koran nach einer Öffnung für die historisch-kritische Auslegung wird an dieser Stelle umgekehrt und gegen die Normierung des christlichen Verständnisses vom Evangelium im Sinne späterer, z.B. paulinischer und johanneischer Christologie vorgebracht.
Der Band schließt mit dem Bericht über einen Seminartag zur Lehrerfortbildung an der DEO. Dabei kamen Texte aus der Josefsgeschichte der Hebräischen Bibel (Gen 37-50), aus Sure 12 (Yusuf) und u.a. aus Thomas Manns Josefsroman zur Sprache. Harry Harun Behr resümiert, es sei deutlich geworden, wie „Texte zwischen Bibel und Koran und zwischen Gott und Thomas Mann im Ensemble … eine gemeinsame Wirkung entfaltet haben, die wir allein nicht geschafft hätten.“ (242) Vor allem wurde klar, wie wichtig „Kenntnis im Eigenen“ ist, um sich auf den Anderen einlassen zu können. Insofern gehe es nicht darum, strikte Bekenntnisorientierung im Religionsunterricht gegen interreligiös-kooperative Ansätze auszuspielen, sondern beides sinnvoll miteinander zu verbinden.
Insgesamt werfen die Beiträge des Bandes mehr Fragen auf, als sie allgemein überzeugende Antworten oder gar Rezepte für die Praxis des Umgangs mit der Heiligen Schrift des Anderen im Unterricht bereithalten. Aber sie machen doch an mancher Stelle Mut, eigene Schritte der Begegnung zu wagen. Und wenn Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler im evangelischen, katholischen und islamischen Religionsunterricht zumindest so etwas wie Respekt für die Heilige Schrift des Anderen (und damit auch für den Anderen selbst) entwickeln lernen, dann kann man sich darüber aus evangelischer Perspektive, also im Vertrauen auf den Gott, der dem Gottlosen seine Gnade schenkt, ganz herzlich freuen.
Weitere Informationen zur Bestellung unter:
http://www.v-r.de/de/van-der-Velden-Heiligen-Schriften-des-anderen-im-Unterricht/t/389971630/


