Beten wir zum gleichen Gott?

Andreas Renz: "Beten wir alle zum gleichen Gott? Wie Juden, Christen und Muslime glauben?", Kösel Verlag, München 2011, 206 Seiten, kartoniert, € 14,99, ISBN 978-3-466-36899-0
Rezensent: Ralf Lange-Sonntag
Erstabdruck in Zeitzeichen 11/2011
Angesichts simplifizierender Gleichsetzungen wie „Wir glauben doch alle an den gleichen Gott“ auf der einen Seite und fundamentalistischer Zurückweisung abweichender Gottesvorstellungen auf der anderen Seite votiert Andreas Renz, katholischer Theologe und Religionswissenschaftler aus München, für eine differenziertere Betrachtung der Frage nach der Kompatibilität von Gottesbildern. Aus diesem Grund widmet der Autor jeder der drei monotheistischen Religionen – denn allein um sie geht es im vorliegenden Werk – ein eigenes Kapitel, um jeweils konsequent in vier Schritten die spezifische Gottesvorstellung einer Religion darzustellen.
Getreu dem Grundsatz „Lex orandi, lex credendi – Das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens“ (S.10f.) setzt Renz bei der „Anbetung Gottes in Gebet (und Gottesdienst)“ an, um die Grundfrage seines Buches „Beten wir alle zum gleichen Gott?“ zu beantworten. Erst danach unterzieht er die heiligen Schriften und Traditionen, aus denen sich die liturgische Praxis speist, einer Untersuchung. Die Theologie befragt der Autor erst in einem dritten Schritt nach ihrer Gotteslehre, bevor er abschließend Antworten aus der jeweiligen Religion zu seiner Grundfrage vorstellt. Dabei sieht Renz durchaus trennende Unterschiede – als Stichworte seien die Trinität und die Bedeutung Jesu genannt – jedoch auch weit reichende Gemeinsamkeiten, die er z.B. hinsichtlich der Ethik in einem Exkurs näher beleuchtet. Letztlich – so Renz – sei sogar das Trennende als unterschiedliche Lösung identischer Probleme verstehbar. Jede Religion stehe nämlich vor der Frage, wie sie das Nebeneinander von Immanenz und Transzendenz Gottes, ohne das Offenbarung nicht denkbar sei, erklären könne. In ähnlicher Weise ringen Judentum, Christentum und Islam um die Frage, wie die Allmacht Gottes mit dem freien Willen des Menschen zusammengehe.
In einem abschließenden Resümee differenziert Renz zwischen der Frage, ob die drei Religionen zum gleichen Gott beten, und der Frage, ob ein gemeinsames Gebet von Juden, Christen und Muslimen möglich sei. Während er die erste Frage von christlicher Seite eindeutig bejahen kann und auch zunehmend bei Vertretern von Judentum und Islam Zustimmung wahrnimmt, sieht er hinsichtlich der zweiten Frage große Bedenken. Denn „das Gebet ist die innerste und sensibelste Dimension jeder Religion […] Es eignet sich daher nicht für Experimente und sollte auch nicht verzweckt werden“ (S.186). Auch dürfe für das gemeinsame Gebet nicht einfach der kleinste Nenner ausschlaggebend sein, denn das liefe darauf hinaus, die trinitarische Grundstruktur christlichen Betens aufzugeben.
Renz liegt damit auf einer im christlichen Diskurs mehrheitlich vertretenen Linie. Auch sonst liegt die Stärke des Buches nicht in seiner Originalität, sondern in seiner strukturierten und verständlich geschriebenen Darstellung und in der auf allen Seiten erkennbaren Erfahrung des Autors im interreligiösen Dialog. Renz zeigt höchsten Respekt vor den beiden anderen Religionen, ohne seine christliche Identität zu vernachlässigen oder zu verschweigen. Kritisch ist jedoch anzumerken, dass die von Renz referierte christliche Position vor allem katholische Züge trägt: Die postulierte Priorität des Gottesdienstes vor der Heiligen Schrift, die Betonung der eucharistischen Hochgebete oder die überdurchschnittlich häufige Berufung auf Verlautbarungen des kirchlichen Lehramts sind aus evangelische Perspektive ein kleiner Wermutstropfen bei einem ansonsten lesenswerten Buch.


