Angst vor der muslimischen Welt

Michael Thumann: „Der Islam-Irrtum. Europas Angst vor der muslimischen Welt“, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2011, 322 Seiten mit Abbildungen und Karten, gebunden, 32,- €, ISBN 978-3-8218-6238-5

Rezensent: Gerhard Duncker

Der erste Eindruck: Ein schönes Buch. Gebunden. Im Schober. Der Einband mit goldenen Ornamenten versehen. Schön anzufassen. Mein Exemplar trägt die Nummer 1245. Gemeint ist „Der Islam-Irrtum“, das 319. Buch der „Anderen Bibliothek“ im Eichborn Verlag, einst gegründet von Hans Magnus Enzensberger. „Der Islam-Irrtum. Europas Angst vor der muslimischen Welt“, so der genaue Titel des Buches von Michael Thumann, Jahrgang 1962 und seit 2007 Leiter der ZEIT-Redaktion in Istanbul, zuständig für den gesamten Nahen Osten.
Das Buch trägt fünf Kapitelüberschriften: Unsere Islam-Besessenheit, West-östliche Irrtümer, Angst im Westen, Aufbruch im Osten, Lob der guten Nachbarschaft. Die Texte selber sind eine Mischung aus Situationsanalysen, Ländererkundungen und Deutungen westlicher „Islam-Angst“; abwechslungsreich zu lesen, aber manchmal doch weit weg vom Thema der Angst Europas vor dem Islam. In dem Abschnitt „West-östliche Irrtümer“ beschreibt der Autor kenntnisreich die politische, kulturelle und religiöse Lage etwa in der Türkei, in Syrien oder Ägypten, erklärt aber nicht, wo und inwieweit sich der europäische Leser in punkto „Islam“ irrt. Auch sind Passagen etwa über die „Senkrechtstarter am Golf“ informativ, haben aber nichts mit dem Thema des Buches und mit den diesbezüglichen Erwartungen des Lesers zu tun.
Nah am Titel des Buches sind dessen Einleitung und Schluss. Und allein schon deshalb lohnt die Lektüre. Sehr zu Recht weist der Autor darauf hin, dass die Revolutionen in der arabischen Welt weniger ihre Triebkraft im Islam, sondern vielmehr in einer jungen, dynamischen Generation von Männern und Frauen haben, die zwar nicht mit dem Islam brechen wollen, die aber dennoch neue Lebensperspektiven suchen. Der Islam hat eben nicht die alles überragende Bedeutung in der muslimischen Welt, wie auf „unserer Seite“ immer wieder angenommen wird.
In der muslimischen Welt spielt – so Thumann – der Nationalismus eine größere Rolle als der Koran und ist regional erheblich gefährlicher als der Islam. Das gilt vor allem auch für die Türkei.
Dem Schlusskapitel des Buches kann man nur zustimmen: Lob der guten Nachbarschaft. Darum geht es und muss es in Zukunft noch mehr gehen. Es darf keine Dämonisierung von Muslimen und der muslimisch geprägten Welt geben, genauso wenig wie eine „westliche Festungsmentalität“. Voraussetzung dafür ist die Kenntnis voneinander. Dazu leistet das Buch einen aufs Ganze gesehenen wichtigen Beitrag.

 
 
 
 
Angst vor der muslimischen Welt
 

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