Islamfeindlichkeit
Thorsten Gerald Schneiders (Hg.), Islamfeindlichkeit - Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen, Wiesbaden, 2009
Rezensent: Eberhard Helling
Gibt es sie wirklich, die „Islamfeindlichkeit“, oder ist sie nur Konstrukt von aufgeregten Islamfreunden oder unbelehrbaren Muslimen, die sich ihrem eignen Schatten lieber nicht stellen – so wird immer wieder einmal gefragt / gesagt. Doch wird mit dem ersten Sammelband von T. G. Schneiders die historische, theologische, soziologische, pädagogische und psychologische Seite der „Islamfeindlichkeit“ von 29 Wissenschaftlern, Journalisten und Essayisten (u.a.: T. Naumann, K. Haifez, D. Oberndörfer, J. Leibold, N. Kermani, M. Brumlik) so eindringlich beschrieben, dass sie nach einer auch nur oberflächlichen Lektüre nicht zu bestreiten ist. Da es dem Herausgeber nachweislich um die Annährung an unsere Realität geht, hat er einen weiteren Band herausgegeben, der sich mit der anderen Seite der Medaille beschäftigt, der „Islamverherrlichung“. Hier wird veranschaulicht, wie sich bestimmte Teile der muslimischen Community gegen Kritik immunisieren.
Doch zunächst zum Band „Islamfeindlichkeit“: in vier Teilen gehen die verschiedenen Autoren diesem schon in der Geschichte bekannten Phänomen nach, indem 1. die historischen und literarischen Ausgangspunkte des islamfeindlichen Denkens, 2. die aktuellen Lage unter soziologischen, juristischen und medienkritischen Fragestellungen, 3. institutionalisierter Islamfeindlichkeit vor allem in den Kirchen und in konservativen Parteien und schließlich 4. der personellen Islamfeindlichkeit, in der die Argumentation von Islamkritikern wie Hernyk M. Broder, R. Giordano, H.P. Raddatz und Alice Schwarzer untersucht werden.
Als grundlegende Studien sind die soziologisch angelegten Arbeiten von D. Oberndörfer, Einwanderung wider Willen, J. Leibold; Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie und H. Bielefeldt, Islambild in Deutschland zu nennen. Leibold und Bielefeldt widmen sich der aktuellen Situation in unserer Gesellschaft. Dabei kommt Bielefeldt zu dem Resultat die Darstellungen des Islam als islamophob zu bezeichnen, „die keinen Raum für die Darstellung innerislamischer Differenzen und für die Würdigung individuellen Handelns geben.“ (S. 185) Oberndörfer fokussiert die historische Entwicklung in Deutschland vom völkischen Nationalstaat (S.128f) hin zu einer Zuwanderungsgesellschaft, die sich erst unter vielen Mühen als eine solche begreift. Daraus leitet er seine Forderung ab: „Eine unabdingbare Voraussetzung für Integration in Gestalt der Akzeptanz von ursprünglich Fremden oder Minoritäten ist ein republikanisches, für kulturelle Vielfalt offenes pluralistisches Staatsverständnis.“ (S: 134 f) Zu einem ganz ähnlich Schluss kommt N. Kermani in seinem Beitrag zur Hermeneutik von Koranstellen, die zur Gewalt aufrufen: „Ihren Anspruch können sie (die Religionen) nur in einem Staat zur Geltung bringen, der selbst religiös neutral ist. ... Glaube darf niemals mehr die Unfreiheit des Ungläubigen bedeuten.“(S. 206) Dies sagen nach meiner Einschätzung deswegen so betont die Verteidiger der Religionen aller Konfessionen, weil sie in einem Klima von zunehmender Ablehnung gegenüber den Religionen, um die öffentliche Präsenz von Religionen fürchten – wie der Band „Islamfeindlichkeit“ zeigt, nicht zu Unrecht!
Das Buch ist aufgrund seiner Materialfülle, der wissenschaftlichen Gründlichkeit und guten Lesbarkeit eine Fundgrube für die eigene Meinungsbildung.