Private Studienreise in die Süd-Ost-Türkei

- Kirche in Hah
Aus Marl besuchten vier Akteure in christlich-islamischen Projekten in der Woche vor Ostern das syrisch-orthodoxe Kloster Mor Gabriel im Turabdin (Südost-Türkei) und in der Woche nach Ostern Antakya und das armenische Dorf Vakifli am Musadag (in der südöstlichen Provinz Hatay, am Mittelmeer, nahe Syrien). Almuth und Hartmut Dreier sowie Christa und Dr. Detlef Heinen organisierten diese Studienreise eigenständig; sie wollten die Entwicklungen bei christlichen Minderheiten weiter verfolgen – nach ihrem letzten Besuch im Herbst 2009. Die privat finanzierte Rundreise erfolgte ohne offiziellen Auftrag, aber in Kenntnis von Ruprecht Polenz, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Claudia Roth von B90/Die Grünen, Kirchenrat Duncker von der Ev.Kirche von Westfalen und Pfr. Rüdiger Noll von der Konferenz Europäischer Kirchen in Brüssel.
In Diyarbakir als erster Station beeindruckte der Besuch bei „Kamer“, ähnlich „Frauen helfen Frauen“ bei uns, wo Frauen, die Gewalt erleiden, beraten werden, leicht zugänglich im belebten Zentrum einer ehemaligen Karawanserei gegenüber der Hauptmoschee Ulu Camii. Frustration erlebten wir in der uralten wunderschönen syrisch-orthodoxen („aramäischen“) Marienkirche im alten Diyarbakir, mit ihren Wurzeln im 1.Jahrhundert nach Christus, also bei Paulus. Hier wirkt ein engagierter Pfarrer in einer durch Auswanderung schrumpfenden Gemeinde. Direkt gegenüber ist seit einiger Zeit eine evangelikale pfingstlerische Freikirche, beeinflußt von US-amerikanischen Pfingstlern und ihrem Missionsstil und ihrem christlichen Alleinvertretungsanspruch. Da drohen gefährliche Spannungen in der Stadt, die auch die alt eingesessenen syrisch-orthodoxen Christen in Bedrängnis bringen können, denen es um „Präsenz“ in dieser Stadt geht. Diese pfingstlerische Freikirche wirbt Gemeindeglieder bei den syrisch-orthodoxen Christen ab und missioniert bei den Muslimen.

- Kloster Mor Gabriel
100 km südöstlich von Diyarbakir verbrachten die Marler im uralten und ansehnlich restaurierten Kloster Mor Gabriel die Woche von Palmsonntag bis Ostersonntag. Mor Gabriel gehört zu den ältesten Klöstern der Welt-Christenheit und ist das Zentrum für diese Jahrhunderte lang christlich geprägte Region des Turabdin,die sich erstreckt zwischen Mardin bzw Midyat im Westen, Hasankeyf im Norden und bis zur Grenze nach Syrien. Abt Timotheus Samuel Aktas ist zugleich Erzbischof vom Turabdin. Im Turabdin sind uralte Kirchen, zum Teil aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, z.B. das welt-architektonische Juwel im Dörfchen Hah (die Weisen aus dem Morgenland haben es bei ihrer Rückreise von der Geburtskrippe Jesu in Bethlehem gestiftet, so wird erzählt) und die (übrigens aus Spendengeldern) hervorragend restaurierte Kirche in Idil (deren Anfänge im Jahr 66 n.Chr. liegen).
Das Kloster Mor Gabriel ist international bekannt geworden, auch weil es seit Jahren administrativ und juristisch „gemobbt“ wird – durch offenkundig nicht begründbare Klagen und immer neue Prozesse um „Land-Titel“, „Bäume“ und „Mauern“: Alles gehört seit mehr als 1700 Jahren nachweislich dem Kloster, wird diesem aber neuerdings strittig gemacht, um das Kloster zu ruinieren, die dort lebenden Menschen zu zermürben und die Gebäude vielleicht eines Tages in ein türkisches staatliches Museum zu überführen,wobei die hervorragend beackerten Kloster-Ländereien an Staat oder „Private“ fielen. Die Prozesse gehen durch die Instanzen hin und her, einschließlich die Höchstrichterliche Instanz in Ankara, und sind ineinander juristisch kompliziert verschränkt. Ministerpräsident Erdogan appellierte nach internationalen Interventionen in 2009 auf gütliche Einigung; bei einem Treffen mit Erzbichof Timotheus Samuel Anfang April 2011 sagte er diesem zu, er wolle sich um Rechtsfrieden bemühen. Inzwischen hatten 20 Botschafter aus EU-Staaten in Ankara für Mor Gabriel interveniert; die Katholische Deutsche Bischofskonferenz und die Ev.Kirche in Deutschland solidarisierten sich in einer gemeinsamen Erklärung im Februar 2011 mit Mor Gabriel. Die Konferenz Europäischer Staaten, Brüssel, wandte sich im Februar 2011 an die EU-Außenbeauftragte Mrs. Ashton und Abt/Erzbischof Timotheus Samuel führte in der Woche vor Ostern 2011 in Berlin Gespräche mit maßgeblichen Politikern.
Innenpolitisch gesehen: Die syrisch-orthodoxen Christen (oder wie man auch sagt: die „aramäischen“ oder die „Syriani“) im Turabdin sind derweil eine zahlenmäßig kleine und politisch fast bedeutungslose Minderheit geworden; sie spielen als Wahlgruppe kaum eine Rolle – im Unterschied zu den dort eingewanderten zahlreichen muslimischen Kurden (mit ihren sehr großen Familien) und im Hintergrund agierenden türkisch-nationalistischen Interessengruppen und Großgrundbesitzern. Die ehemals christlichen Dörfer haben sich verändert, muslimische türkische Kurden haben Besitz genommen von Ländereien und Häusern und Moscheen werden gebaut, nachdem seit den 1960er Jahren immer mehr Christen in die türkischen Großstädte gezogen oder in den „Westen“ ausgewandert sind, weil sie in den Jahrzehnten des Krieges zwischen kurdischer PKK, türkischem Militär und islamistischen Hisbolla-artigen Kräften zwischen alle Stühle geraten waren.
Es gibt auch Hoffnung: Derzeit besuchen jährlich 80 000 Besucher , auch Muslime aus der Türkei und Menschen aus aller Welt dieses Kloster Mor Gabriel; es ist ein Zeichen wachsenden Tourismus und eines spürbaren (auch wirtschaftlichen) Aufschwungs in der Region. Außerdem investieren christliche „Syriani“ aus dem Ausland inzwischen Geld in ihren frühern Dörfern und manche überlegen ihre Rückkehr, zumindest als Rentner. Das Kloster Mor Gabriel ist sehr lebendig, hier leben ungefähr 70 Menschen: Mönche und Nonnen, Diakone, Jugendliche aus „abgelegenen“ Dörfern, die hier im Kloster-Internat sind und die staatliche Schule im 2o km entfernten Midyat besuchen.Auch das seit Jahren leere und verfallende Bergkloster Mor Augen aus dem 2.Jahrhundert in der Nähe von Nusaybin an der Grenze nach Syrien soll wieder belebt werden.
Die syrisch-orthodoxen Christen pflegen im Gottesdienst das Aramäische „von Jesus und seinen Jüngern“, wie sie gerne sagen. Diese Gottesdienste sind geprägt von uralten hymnischen Gesängen. Aramäisch war vor 2000 Jahren eine Weltsprache und ist ähnlich dem Hebräischen in die Moderne aktualisiert, es ist also heutzutage nicht nur Liturgiesprache.

- Besuch beim Bürgermeister Süleyman Aslan
Die zweite Woche spielte im Gebiet Hatay. Zunächst in Antakya, dem früheren Antiochia, der im Römischen Reich nach Rom und Alexandria drittgrößten Metropole. Diese Stadt hat einen wunderbaren Charme: Die einzigartige Mosaikensammlung in einem vom modernen Bauhaus-Stil geprägten Museum, die Altstadt mit Gassen, Basaren und Hamam-Bädern. Hier erlebten wir eine wegen Abwanderung und Überalterung schrumpfende Synagogengemeinde, verschiedene christliche Kirchen, die Franziskanierin Barbara (die seit über 30 Jahren am Ort aktiv ist, überall bekannt und mit Einfluss auch in der Stadtverwaltung z.B. bei Denkmalschutz und durch ihre Gemeinwesenarbeit), ihre Freundin Kornelia, die dem ökumenischen Weltladen von Antakya eine eigene künstlerische Note gibt. Unübersehbar das große Banner, auf dem der AKP-Bürgermeister den Christen ein frohes Osterfest wünscht. Hier ahnen wir, wohin die Entwicklung in einer sich weiter demokratisierenden und pluralistischeren Türkei gehen könnte. Viel ist die Rede von Handel und Verkehr mit den Menschen in Syrien und von der Ausstrahlung auf das Nachbarland Syrien, mit dem derzeit aufbegehrenden Volk und der staatlichen Repression des Assad-Systems.
Fürchterliche Schatten wirft die Vergangenheit in dieser Region der Türkei, hier am Mittelmeer. Wach ist die Erinnerung an die Katastrophe der Armenier von 1915 am Musa Dagi westlich von Antakya, eindringlich beschrieben von Franz Werfel in seinem Roman „Die 40 Tage des Musa Dagh“ (1927). Die vier Reisenden erlebten einige Tage lang das armenische Dorf Vakifli am Musadag, 800 m hoch, einzigartig der Blick auf das Mittelmeer. Es ist ein türkisches „Muster-Dorf“ der Armenier, der armenischen Christen. Genossenschaftlich vermarkten sie ihre Bio-Südfrüchte und Weine neben ihrer neu errichteten armenischen Kirche. Mit EU-Förderung werden Gebäude als Gästehäuser saniert. In einem Gästehaus wurden die Marler durch armenische Nachbarn auf Deutsch begrüßt; Janek Caper aus Berlin zeigte uns das ganze Gebiet, er ist Vorsitzender der Armenischen Gemeinde in Berlin und sein Schwiegervater in Vakifli der letzte überlebende Zeitzeuge der Katastrophe der Armenier in 1915 bei der Auflösung des Osmanischen Reiches, als die damals in der Region lebenden Armenier sich auf dem Musa Dagi-Berg verteidigten und verschanzten, bis die letzten Überlebenden durch französische Schiffe vom Mittelmeer aus gerettet wurden.
Die vier Marler fassen zusammen: „Auf unserer Reise hörten wir immer wieder Geschichten, Erinnerungen von Minderheiten und Mehrheiten in der Türkei. Wir erzählen von christlich-islamischer Zusammenarbeit und Abrahamsfesten in Marl. Wir hören zu, wenn andere uns ihre Geschichten, oft genug ihre Leidensgeschichten als Minderheiten erzählen. Uns fielen dabei die „Runden Tische“ ein - am Ende der DDR und im Süd-Afrika am Ende der Apartheid. Braucht es nicht Gelegenheiten, wo sich „Opfer“ und „Täter“ auch nach Jahrzehnten zusammensetzten und auf gleicher Augenhöhe erzählen und den Erzählungen der anderen zuhören und es aushalten, im Interesse von Wahrheit und Versöhnung? Wir denken an Nelson Mandela und Desmond Tutu und was sie in Süd-Afrika beispielhaft geleistet haben, um mit Traumata und Erinnerungen klar zu kommen und emotional und friedlich abzurüsten“.
Hartmut Dreier


